Soulmates never die - Die bayerische Polizei will den Taser
polizeich kenne mich mit Kindern nicht aus. Das heißt, ich habe keine
und-” Ich weiß noch, wie ich ihr begreiflich machen wollte, was ich
meinte. “Ich kann so etwas nicht sehen. Woran soll ich es sehen, es
erkennen? Sicher, man kann irgendwelche Anhaltspunkte sehen, klar…
aber woran soll ich es wirklich erkennen?”
“Du wirst es erkennen.” meinte Brianna nur und als ich ihr in die
Augen sehen wollte, wandte sie sich ab. “Du wirst es erkennen.” Sie
sagte noch andere Dinge, aber das gehört nicht hierher. Wichtig war
das mit den Kindern. Dass man es sehen würde.
Ich war fast 30 als ich Sabine sah. Sabine war, glaube ich, 12. Sie
lief mir sozusagen in die Arme. Ich verließ die Straßenbahn, sie
wollte hinein und einen Augenblick lang kamen wir uns Gehege, ich sah
in ihre Augen und sie in meine. Und dann stieg sie ein, ich stieg
aus. Sabine… ich glaube, ich fand sie gleich an diesem Tag
irgendwie, hm…, seltsam. “Du wirst es erkennen.” fielen mir
verständnisvolle Worte. “Du wirst es erkennen, glaub mir.” Sie hatte
mich nicht verurteilt wegen dem, was ich sagte und dachte und wollte,
im Gegenteil. Sie hatte mich nur immer angesehen… aus diesen großen
blaugrauen Augen, die so traurig wirkten. Brianna erzählte selten,
was man ihr angetan hatte und ich glaube, ihre Art, jedem zu
verzeihen, stand ihr dabei im Weg, überhaupt jemals wütend zu sein.
Sie sagte, sie hätte die Wut und den Hass überwunden aber ich wusste
nicht, ob sie jemals beides gefühlt hatte. “Ich habe viel
herausgefordert.” sagte sie nur und damit war das Thema für sie
erledigt.
Aber zurück zu Sabine. Sie begegnete mir öfters in der Straßenbahn
und ich ertappte mich dabei, wie ich an sie dachte. Abends, tagsüber,
morgens… immer öfter. Ihre Augen gingen mir nicht mehr aus dem
Kopf. Und eines Tages setzte ich mich neben sie. Ich, der 30jährige,
neben eine 12jährige… Ich lächelte ihr zu und ihr Gesicht war wie
eine Maske als sie aus dem Fenster sah. Ich konnte warten.
Es vergingen Tage, Wochen und Monate bis Sabine das erste Mal etwas
zu mir sagte. Ich saß öfter ihr gegenüber und ab und an bot ich ihr
mal ein Bonbon an oder ich versuchte, über mein Handy, die
Klingeltöne oder die Logos ein Gespräch zu beginnen. Was man eben so
versucht, wenn man eine 12jährige dazu bringen will, etwas zu sagen.
Sabine saß in ihrer Ecke, hatte einen völlig starren
Gesichtsausdruck, ihr Körper war wie ein kleiner Klumpen Ton, den man
in eine Form gepresst und gebrannt hatte, kein Muskel schien sich zu
rühren. Ich wollte ihre Mauer durchbrechen. Irgendwann sah ich sie
direkt an und fragte sie, wie sie sich fühlte. Sie sah mich
gleichmütig an, doch einen Moment lang sah ich etwas in ihren Augen,
etwas Besonderes. “Gut.” Sabine ging es immer gut. Je öfter sie doch
ein Wort sagte, desto öfter hörte ich das gleiche - ewig
wiederkehrende Mantras auf Fragen wie “Ist Dein Vati eigentlich nett
zu Dir?”, “Fühlst Du Dich manchmal allein?”, “Bist Du öfter traurig?”
oder “Sprichst Du mit jemandem darüber, wie es Dir geht?” Ja, es ging
ihr gut, alle waren nett und freundlich, sie fühlte sich nie allein,
sie war nie traurig und sie war glücklich. Ich dachte nachts an sie
und dachte gleichzeitig an Brianna. “Du wirst es erkennen, wenn
sie… so ist.” Sabine war so, da war ich mir sicher.
Egal was tat oder nicht tat, Sabine blieb für mich unerreichbar. Sie
war inzwischen 13 und ich 31, ich fand, das hätte symbolische
Bedeutung. Und ich konnte es nicht mehr ertragen, ich konnte nicht
mehr warten. Ich dachte immer und immer wieder an Briannas Worte. “Du
wirst es erkennen, wenn sie… so ist.”
Ich griff nach Sabines Arm und zerrte sie mit mir, ein paar Leute
versuchten halbherzig einzugreifen, aber ich wehrte sie ab, lief
weiter, Sabine immernoch an mich gedrückt. Irgendwann hielt ich an,
keuchend wie ein Asthmatiker, dem das wichtige Spray fehlt. “Du…”
brachte ich hervor. “Du…” Sie hing in meinen Armen wie eine Puppe
ohne jegliche Fäden, die sie irgendwie zum Leben erwecken könnten,
sollte nur jemand an ihnen ziehen. Eine Lumpenpuppe, kam es mir in
den Sinn, mit der man machen kann, was man will. “Du…” Ich starrte
sie an und ich wusste selbst wie verrückt ich mich anhörte als ich
sie fragte: “Ist Dein Vater eigentlich nett zu Dir?” “Fühlst Du Dich
manchmal allein?” “Bist Du öfter traurig?” “Sprichst Du mit jemandem
darüber, wie es Dir geht?” Ihr kleines Gesicht war noch immer wie
eine Maske, doch als ich sie nicht losließ, veränderte es sich. Als
ihr Gesicht rot wurde, brachte sie es würgend hervor. “Nein, ja, ja,
nein…” Sie wiederholte es immer wieder bis ich sie losließ und dann
fiel sie auf den Bürgersteig und kaum dass sie losgelassen worden
war, wurde aus dem Menschen wieder Ton, geformt, geknetet und
gebrannt. “Mir geht es gut, ich bin glücklich.” Ich sah noch einmal
in ihre Augen und dann weinte ich. Um sie, um mich und um Brianna,
die längst nicht mehr da war.
“Ich weiß, Du glaubst nicht, was passiert.” hatte Brianna gesagt und
akzeptiert, dass dem so war. “Aber achte auf die Kinder. Du wirst es
erkennen, wenn sie so sind… wenn ein Mädchen so ist oder ein Junge.
Und dann wirst Du verstehen, was ich sagte.” Sie hatte immer
verstanden, dass ich nicht glauben konnte, dass es wirklich Menschen
geben konnte, die so gelebt hatten. Aber Sabine war so. Sie kannte
kein Vertrauen, kein Misstrauen, keine Liebe und keinen Hass mehr -
sie kannte nur das, was nicht bestraft wurde. Glücklichsein wurde
nicht bestraft. Ich sah in die dunkle Nacht und ein Stern funkelte.
“Soulmates never die…” sagte ich und einen Moment lang blieb Sabine
stehen, dann ging sie fort, sehr ruhig und in angemessenen Schritten.
Brianna wäre gelaufen.